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Sprechangst

Sprechangst in der Fremdsprache: Was die Forschung weiß

Sprechangst in der Fremdsprache ist gut erforscht, verbreitet und kein Zeichen mangelnder Kompetenz. Emotionale Intelligenz und Übung im geschützten Rahmen helfen.

Wenn Ihnen auf Englisch die Worte wegbleiben, obwohl Sie die Sprache können, sind Sie in guter Gesellschaft. Die Sprachforschung beschäftigt sich seit fast vierzig Jahren mit genau diesem Erleben. Hier ist, was sie weiß, und was daraus für Sie folgt.

Ein eigenes Phänomen, keine Schwäche

1986 beschrieben Elaine Horwitz und Kollegen Fremdsprachenangst erstmals als eigenständige Form der Angst. Sie verbindet drei vertraute Ängste: die Scheu, mit anderen zu kommunizieren, die Angst vor Prüfungssituationen und die Sorge, von anderen negativ bewertet zu werden. Besonders wichtig ist ihre Beobachtung: Erwachsene halten sich normalerweise für fähige Gesprächspartner. In der Fremdsprache können sie sich nur eingeschränkt so ausdrücken, wie sie sind, und diese Lücke bedroht das Selbstbild.
Das erklärt, warum gerade kompetente Menschen betroffen sind. Wer viel zu verlieren hat, spürt die Lücke stärker.

Wie stark wirkt sich die Angst aus?

Eine Meta-Analyse von Teimouri, Goetze und Plonsky fasste 97 Studien mit knapp 20.000 Lernenden aus 23 Ländern zusammen. Ergebnis: Mehr Angst geht im Mittel mit geringeren Sprachleistungen einher, der Zusammenhang ist moderat (r = −.36). Die Angst ist also kein Randthema, sondern ein echter Faktor für das, was Sie zeigen können.

Perfektionismus verstärkt das Zögern

Gregersen und Horwitz fanden 2002, dass ängstliche Lernende ihre eigene mündliche Leistung deutlich perfektionistischer beurteilten als weniger ängstliche. Hohe Ansprüche an sich selbst sind im Beruf oft ein Erfolgsfaktor. Beim Sprechen in der Fremdsprache können sie zur Bremse werden.

Emotionale Intelligenz als Schutzfaktor

Dewaele, Petrides und Furnham befragten 2008 464 mehrsprachige Erwachsene. Wer höhere emotionale Intelligenz (als Persönlichkeitsmerkmal gemessen) hatte, berichtete deutlich weniger Sprechangst, in allen untersuchten Situationen: mit Freunden, Kollegen, Fremden, am Telefon und vor Publikum. Weniger Angst hatten außerdem Menschen, die die Sprache auch außerhalb des Unterrichts nutzten und ein größeres Netz an Gesprächspartnern hatten.
Genau hier setzt meine Arbeit mit dem EQ-i 2.0 an: nicht als Sprachtest, sondern um Ihre sozial-emotionalen Stärken sichtbar zu machen und beim Sprechen gezielt zu nutzen. Mehr dazu im Überblick zum EQ-i 2.0.

Freude ist mehr als die Abwesenheit von Angst

Dewaele und MacIntyre untersuchten 2014 mit 1.746 Lernenden weltweit Angst und Freude im Fremdsprachenunterricht. Freude wurde insgesamt deutlich stärker erlebt als Angst. Als Quellen der Freude nannten die Lernenden vor allem Lehrende mit fachlichem und emotionalem Geschick und eine unterstützende Gruppe.

Bereitschaft zu sprechen entsteht im Moment

MacIntyre, Clément, Dörnyei und Noels beschrieben 1998 die Bereitschaft, in einer Fremdsprache zu sprechen, als Pyramide: Unten liegen stabile Faktoren wie Persönlichkeit und Erfahrungen, oben situative wie die Person, mit der Sie gerade sprechen, und Ihr Selbstvertrauen in genau diesem Moment. Sprechen ist also keine feste Eigenschaft, sondern entscheidet sich immer wieder neu, in kleinen, gut übbaren Situationen.

Was daraus folgt

  • Regelmäßig sprechen, im geschützten Rahmen: außerhalb von Prüfung und Bewertung, in einer überschaubaren Gruppe.
  • Stärken kennen: Wer weiß, welche emotionalen Kompetenzen sie tragen, hat im entscheidenden Moment etwas, worauf sie sich verlassen kann.
  • Die eigene Bewertung prüfen: Wurden Sie verstanden? Dann war der Satz gut genug.
Eine überschaubare Runde zum regelmäßigen Sprechen ist zum Beispiel die Sonntags-Session in der Skool-Community, jeden Sonntag um 16 Uhr. Ob hinter Ihrem Zögern mehr steckt als fehlende Übung, zeigt die Potenzialanalyse.

Vertiefung: Drei Befunde, die das Bild ergänzen

Die Grundlagen der Forschung zur Sprechangst sind oben beschrieben. Drei weitere Studien helfen zu verstehen, warum Angst gerade bei erfahrenen Sprecher:innen so viel ausmacht.

Eine zweite Meta-Analyse bestätigt den Befund

Elouise Botes, Jean-Marc Dewaele und Samuel Greiff werteten die Studien aus, die mit der Foreign Language Classroom Anxiety Scale gearbeitet haben. Auch sie fanden einen klaren negativen Zusammenhang zwischen Sprachangst und Leistung. Zwei unabhängige Meta-Analysen kommen damit zum selben Schluss: Der Effekt ist kein Zufall einzelner Studien.

Angst kostet zuerst Effizienz

Die Attentional Control Theory von Michael Eysenck und Kolleg:innen erklärt, warum Angst nicht immer zu schlechteren Ergebnissen führt, aber fast immer zu mehr Aufwand. Wer angespannt ist, kann Leistung oft halten, braucht aber deutlich mehr Anstrengung dafür. Viele Führungskräfte kennen das: Das Meeting ist gelaufen, doch sie sind danach erschöpfter als nach einem vergleichbaren Termin auf Deutsch.

Das Selbstbild folgt der Angst

Peter MacIntyre, Kimberly Noels und Richard Clément zeigten, dass ängstliche Sprecher:innen ihr Können systematisch unterschätzen. Daraus entsteht ein Kreislauf: Wer sich für schwächer hält, spricht weniger und sammelt weniger Belege für das eigene Können.
Für die Praxis heißt das: Ein guter Ansatz senkt den Aufwand pro Beitrag und sammelt gezielt Belege für gelungenes Sprechen. Genau darauf ist das Mentoring ausgerichtet.

Ihr nächster Schritt

Häufige Fragen

Ist Sprechangst auf Englisch normal?

Ja. Sie ist seit Jahrzehnten gut erforscht und betrifft gerade auch Menschen, die die Sprache gut beherrschen.

Hilft mehr Grammatik gegen Sprechangst?

Nur begrenzt. Die Forschung zeigt, dass Selbstbild, Perfektionismus, emotionale Kompetenzen und regelmäßiges Sprechen außerhalb von Prüfungssituationen eine große Rolle spielen.

Quellen

  • Botes, E., Dewaele, J.-M. & Greiff, S. (2020). The Foreign Language Classroom Anxiety Scale and academic achievement: An overview of the prevailing literature and a meta-analysis. Journal for the Psychology of Language Learning, 2(1), 26–56.
  • Dewaele, J.-M., & MacIntyre, P. D. (2014). The two faces of Janus? Anxiety and enjoyment in the foreign language classroom. Studies in Second Language Learning and Teaching, 4(2), 237–274. doi.org/10.14746/ssllt.2014.4.2.5
  • Dewaele, J.-M., Petrides, K. V., & Furnham, A. (2008). The effects of trait emotional intelligence and sociobiographical variables on communicative anxiety and foreign language anxiety among adult multilinguals. Language Learning, 58(4), 911–960.
  • Eysenck, M. W., Derakshan, N., Santos, R. & Calvo, M. G. (2007). Anxiety and cognitive performance: Attentional control theory. Emotion, 7(2), 336–353.
  • Gregersen, T., & Horwitz, E. K. (2002). Language learning and perfectionism: Anxious and non-anxious language learners' reactions to their own oral performance. The Modern Language Journal, 86(4), 562–570.
  • Horwitz, E. K., Horwitz, M. B., & Cope, J. (1986). Foreign language classroom anxiety. The Modern Language Journal, 70(2), 125–132.
  • MacIntyre, P. D., Clément, R., Dörnyei, Z., & Noels, K. A. (1998). Conceptualizing willingness to communicate in a L2. The Modern Language Journal, 82(4), 545–562.
  • MacIntyre, P. D., Noels, K. A. & Clément, R. (1997). Biases in self-ratings of second language proficiency: The role of language anxiety. Language Learning, 47(2), 265–287.
  • Teimouri, Y., Goetze, J., & Plonsky, L. (2019). Second language anxiety and achievement: A meta-analysis. Studies in Second Language Acquisition, 41(2), 363–387. doi.org/10.1017/S0272263118000311